Kann man KI-Nachrichten trauen? Tarek Leitner über Journalismus, Fälschung und „Biojournalismus"
Vortrag „KI, Journalismus & Öffentlichkeit" · AInext, 15.04.2026, Linz · Video: 44:17 Min.
KI als Diskursphänomen
Für Leitner sagt der aktuelle KI-Diskurs mehr über die Verfasstheit unserer Gesellschaft aus als über die Technik. Die Bewegung reiche vom Heilsversprechen bis zur apokalyptischen Erzählung — beides erzeuge Unbehagen.
Fälschung ist kein KI-Problem — nur intensiver
An historischen Beispielen (unter Stalin wegretuschierte Personen, Schlachtengemälde „nach Fantasie gemalt", eine selbst gesendete gefälschte „Mammut"-Meldung) zeigt Leitner: Wirklichkeitsverfremdung gab es immer. Neu sei nur der Impact — täglich werden Milliarden Bilder geteilt. Trumps KI-Bilder (Grönland mit Pinguinen, „Trump als Messias") entlarven sich oft selbst.
KI im Journalismus = Werkzeug, nicht Autor
Im ORF-Redaktionsalltag helfe KI bei Grammatik-, Plausibilitäts- und Tonprüfung sowie Transkription. Die Guideline: keine KI-generierten Inhalte auf Sendung, nur menschlich Recherchiertes; Ausnahmen bei Barrierefreiheit (Auto-Untertitel). „Human in the Loop" bleibt Prinzip.
Die Kernfrage: Braucht es die „Öffentlichkeit" noch?
An einer Anekdote (ein Seminarleiter fragt Teilnehmer, die via ChatGPT antworten, und wertet via ChatGPT aus) zeigt Leitner, wie der journalistische Zwischenschritt übersprungen werden könnte. Seine Gegenargumente: Nicht alle sozialen Probleme sind algorithmisch lösbar, und es fehlen die Daten (Laplace'scher Dämon). Zwei Warnungen: das Vertrauens-Paradox (wir trauen algorithmischer Kuratierung zu viel) und dass KI uns nur spiegelt — „du gleichst dem Geist, den du begreifst" (Faust).
Ausgewählte Zahlen
RTR/FH-Studie (FH St. Pölten + FH Burgenland, 1.539 Befragte): 54 % misstrauen Nachrichtenmedien generell; über 70 % lehnen KI in Nachrichten ab; 83 % fordern menschliche Kontrolle und Kennzeichnung. (Zahlen aus dem Vortrag — vor Veröffentlichung anhand der Originalstudie prüfen.)
Wer ist Tarek Leitner?
Tarek Leitner ist einer der bekanntesten Nachrichtenmoderatoren Österreichs (ORF, ZIB) und Autor. Bei AInext ordnete er die KI aus der Perspektive der Öffentlichkeit ein — jener Sphäre zwischen Algorithmus und Gesellschaft, in der wir uns Geschichten über die Welt erzählen.
Häufige Fragen
- Ist KI-Fälschung ein neues Problem?
- Nein — laut Leitner gab es Bild- und Textfälschung immer. Neu ist die Geschwindigkeit und Reichweite, mit der sich Fälschungen heute verbreiten.
- Was ist „Biojournalismus"?
- Leitners Idee eines Vertrauens-/Wasserzeichens für nachweislich menschlich erstellte Inhalte — statt nur KI zu kennzeichnen, könnte man „menschlich generiert" markieren.