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Was macht den Menschen im Zeitalter der KI aus? Konrad Paul Liessmann über die „vierte Kränkung"

Keynote „Mensch sein im Zeitalter der KI" · AInext, 15.04.2026, Linz · Video: 50:46 Min.

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Die „vierte Kränkung"

Liessmann greift Sigmund Freuds Idee der drei großen Kränkungen auf: Kopernikus (die Erde ist nicht Mittelpunkt), Darwin (der Mensch ist nicht Krone der Schöpfung), Freud (der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus). Die KI sei die „vierte Kränkung" — wir sind nicht die intelligenten Wesen, für die wir uns hielten. Der entscheidende Unterschied: Die ersten drei waren Desillusionierungen über Irrtümer. Die KI dagegen haben wir selbst geschaffen — das erzeuge zugleich Kränkung und Stolz.

Prometheische Scham und das Herr-Knecht-Verhältnis

Mit dem Technikphilosophen Günther Anders spricht Liessmann von der „prometheischen Scham": dem Gefühl, dass unsere Technik uns überflügelt. Mit Hegels Dialektik von Herr und Knecht warnt er vor einer Umkehr: Wer alle Fähigkeiten an die Maschine delegiert (der „Herr"), macht sich am Ende von ihr abhängig — der Knecht, der arbeitet und lernt, gewinnt die Kompetenz. Die Chance des Menschen sei, diesen Kipppunkt bewusst wahrzunehmen.

Kreativität, Faulheit und die „Trump-Tower-Aufzugsillusion"

Kreativität, lange als menschliche Bastion gehandelt, sieht Liessmann nüchtern: KI kombiniere Vorgefundenes, wirklich originelle Menschen seien immer eine kleine Minderheit gewesen. Technik entstehe aus Bequemlichkeit — und nun werde auch das Denken selbst ausgelagert (Anschluss an Kants „Faulheit und Feigheit"). Als Bild für Selbsttäuschung dient die von Georg Redlhammer geprägte „Trump-Tower-Aufzugsillusion": ein Gebäude mit 58 Stockwerken, dessen Lift 68 anzeigt — wir merken oft nicht, dass Stockwerke fehlen.

Was die Maschine nie haben wird

Seine Antwort findet Liessmann bei Nietzsche: Der Mensch sei „kein denkender Frosch, kein Objektivier- und Registrierapparat". Was uns ausmache — Blut, Herz, Feuer, Leidenschaft, Qual, Gewissen, Schicksal, Verhängnis — habe die KI nicht. Die Paradoxie: Gerade das oft Unbequeme und Fehlbare, das wir durch Technik korrigieren wollen, macht uns überhaupt erst zu Menschen.

„Wir sind keine denkenden Frösche."

— Konrad Paul Liessmann (Nietzsche zitierend)

Wer ist Konrad Paul Liessmann?

Konrad Paul Liessmann ist einer der bekanntesten Philosophen des deutschsprachigen Raums, Professor an der Universität Wien und Autor zahlreicher Bücher zu Bildung und Gesellschaft. Bei AInext sprach er bewusst ohne Folien und ohne KI-generierte Grafiken — nur „mit Kopf und Stimme" — über die philosophische Kernfrage der KI: Was ist noch Sache des Menschen und was Sache der Maschine?

Häufige Fragen

Was ist die „vierte Kränkung"?
Ein Begriff, mit dem Liessmann (in Anlehnung an Freuds drei Kränkungen durch Kopernikus, Darwin und Freud selbst) die KI beschreibt: die Einsicht, dass der Mensch nicht das einzig intelligente Wesen ist — anders als die ersten drei aber keine Aufklärung eines Irrtums, sondern ein selbst geschaffenes Gegenüber.
Was macht laut Liessmann den Menschen aus?
Nicht Rechenleistung oder Mustererkennung, sondern Leidenschaft, Gewissen, Schicksal und Verhängnis — Eigenschaften, die eine Maschine nicht besitzt.